Wahnsinn 2014


„W a h n S i n n“

Nur wer gesunden Menschenverstand hat, wird verrückt.
Stanislaw Jerzy Lec

„Das ist ja ein Wahnsinn!“, „Du Wahnsinnige!“, „Der Wahnsinn!“, Aussprüche des Alltags, die Erstaunen ausdrücken. Wahnsinniges ist bemerkenswert, unerwartet, man will seine Mitmenschen darauf hinweisen. Doch rational erfassen lässt sich der Wahnsinn schwer. Was ist Wahnsinn? Ist er pathologisch, krank, abnormal? Oder ist mitunter mehr Sinn im Wahn als es der erste Blick vermuten lässt? Fest steht: Der Wahnsinn begleitet die Menschheit nicht erst seit gestern. Egal ob im zweiten oder zwanzigsten Jahrhundert nach Christi, dem Wandel der Zeit wird oftmals Wahnsinn zugesprochen, er behagt seinen Zeitgenossen aber selten. Der römische Kaiser Marc Aurel beschrieb seine Zeit als Welt im ewigen Wechsel, sein Leben deshalb als Wahn; der österreichische Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur Gabriel Barylli stellte 1800 Jahre später fest: „Wer heute noch nicht wahnsinnig ist, der ist nicht informiert. Ich bin informiert.“ Der Wahnsinn tritt hier als Unbehagen in Erscheinung, als Unbehagen über die Veränderung der Welt, in der man lebt. Gleichzeitig war der Wahnsinn aber schon immer Quelle eines tieferen Sinns. Der Philosoph, Naturforscher und Staatsmann Lucius Aenaeus Seneca hielt im ersten Jahrhundert nach Christi fest, dass es noch keinen großen Geist ohne Beimischung von Wahnsinn gegeben hat, William Shakespeare pflichtete ihm noch anderthalb tausend Jahre später bei: „Wie treffend manchmal seine Antworten sind! Dies ist ein Glück, dass die Tollheit oft hat.“ Für Friedrich Nietzsche wiederum, selbst geistig zusammengebrochen und „wahnsinnig geworden“, wohnt der Wahn jedem Menschen inne, denn: „des Menschen wahrster Wahn wird ihm im Traume aufgetan.“ Jeglichen Pathos entfernt schließlich Albert Einstein, der nüchtern festhält: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“

Dem Wahnsinn muss man sich also von verschiedenen Seiten her annähern, weshalb das Programm der PRO SCIENTIA-Sommerakademie darauf ausgerichtet ist, der Vielschichtigkeit des Begriffes auf den Grund zu spüren. Wir starten bei „Norm und Normalität“, der Antithese zum Wahnsinn, um anschließend die medizinische Seite zu erkunden. Wie diagnostiziert und therapiert man den Wahnsinn – gestern und heute? Oder sollten wir damit besser zurückhaltend sein, weil der Wahnsinn ebenso Zustand künstlerischer Produktivität ist? Dazwischen widmen wir uns immer wieder umgangssprachlich als „wahnsinnig“ bezeichneten technischen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen unserer Welt. Die Sommerakademie 2014 begibt sich auf die Suche nach dem Sinn im Wahn, was auch in der von uns gewählten Schreibweise des Jahresthemas zum Ausdruck kommt: „WahnSinn“ soll in bewusster Abkehr von einer pessimistischen oder gar negativistischen Grundhaltung gegenüber wissenschaftlichen Fragestellungen dazu anleiten, nicht primär das Destruktive und Sinnlose des Wahnsinns zu benennen, sondern das Konstruktive und Sinnhafte in diesem Phänomen zu entdecken.

Christiane Hornbachner | Mario Kuss | Veronika Settele
JahressprecherInnen 2014

5. bis 11. September 2014
JUFA Mariazeller Land/Sigmundsberg

Das Programmheft gibt Einblick in die Aktivitäten bei der Sommerakademie, der Reader umfasst Beiträge, die PRO SCIENTIA StipendiatInnen zum Thema “WahnSinn” verfasst haben.


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