ULRICH BRAND – Sozial-ökologische Transformationskonflikte

Datum/Zeit
1. September 2026
9:00 - 10:30

Adresse
JUFA Hotel Waldviertel
Hamerlingstraße 8
Raabs an der Thaya
Österreich

Sozial-ökologische Transformationskonflikte ‒ konkurrierende Projekte, ihre Potenziale und strukturellen Grenzen

Ulrich Brand

Der Begriff „sozial-ökologische Transformation“ ist in Fachkreisen in aller Munde. Doch von welcher Problemdiagnose geht er eigentlich aus? Was soll transformiert werden? Und was ist die Zielperspektive einer solchen Transformation? Angesichts der Unklarheit und der durchaus machtförmigen Verwendung des Begriffs sprach Ulrich Brand vor einigen Jahren von einer „neuen kritischen Orthodoxie“. In dem Vortrag wird argumentiert, dass der Transformationsbegriff in einer Zeit eine Konjunktur erfährt, in der die gesellschaftlichen Krisen und insbesondere die Krise der gesellschaftlichen Naturverhältnisse zunehmen. Fortgesetztes ökonomisches Wachstum und die globale Verbreitung einer imperialen Lebensweise sind zum einen Versprechen der Krisenbearbeitung, vertiefen die Krisen aber gleichzeitig. Gleichwohl gibt es aktuell verschiedene Projekte, um die Krisen zu bearbeiten.

Aus der Perspektive der Regulationstheorie verkörpert ein „grüner Kapitalismus“ ein mögliches neues hegemoniales Projekt, mit dem die multiple Krise der kapitalistischen Gesellschaft bearbeitet, neue Wachstumspotenziale erschlossen und die politische Legitimation erneuert werden könnten. Aber ein grüner Kapitalismus bleibt umstritten – und könnte nicht nur am Projekt einer anti-ökologischen autoritären Stabilisierung der imperialen Produktions- und Lebensweise scheitern, sondern auch an strukturellen Grenzen. Denn in den sich verschärfenden sozial-ökologischen Transformationskonflikten artikulieren unterschiedliche Akteure konkurrierende Projekte gesellschaftlicher Entwicklung. Ferner sind die wachsenden öko-imperialen Spannungen zwischen den mächtigen Staatenblöcken Ausdruck unterschiedlicher strategischer Antworten auf die Gestaltung der krisenhaften globalen Naturverhältnisse. Eine Alternative könnte in einer sozial-ökologischen Transformation in einem emphatischen Sinne liegen, die Gesellschaft auf Basis einer solidarischen Lebensweise neu begründet.

Der Begriff der „Großen Transformation“ konfrontiert uns mit der Ambivalenz von Veränderung. Als politische Aufforderung markiert er den umfassenden Anspruch einer sozial-ökologischen Transformation aller Gesellschaftsbereiche. Als wissenschaftlicher Leitbegriff versucht er, den Umgang mit den Transformationen in Natur, Umwelt und Gesellschaft zu orientieren, denen wir uns ausgesetzt sehen. An die Ethik stellt er die Herausforderung, eine sich derart transformierende Welt überhaupt angemessen zu begreifen, um nicht schon durch ein verkürztes Problemverständnis den Blick auf konstruktive Lösungen zu blockieren.

Transformationsethik verbindet daher die transitive und reflexive Dimension, indem sie nicht nur ihren Gegenstand – das, was transformiert wird bzw. sich transformiert – analysiert, sondern die Transformation auch zur Denkform der ethischen Reflexion macht, also von einem statischen Subsumptions- und Deduktionsmodell zu einem dynamischen, unabgeschlossenen und korrekturoffenen Denken übergeht.

Die philosophische Perspektive bündelt somit grundlegende Fragen danach, was Transformation ist, wie wir sie erkennen und wie unterschiedliche Erkenntnisweisen und Begriffe die Weichen für unseren Umgang mit ihr prägen. Weil dieser Umgang nie an einem Nullpunkt beginnt, sondern immer schon verstrickt in Pfadabhängigkeiten stattfindet, kommt die Frage nach Kurswechseln in den Blick, theologisch also die von Papst Franziskus stark gemachte Aufforderung zu einer „ökologischen Umkehr“, für deren Ermöglichung eine biblische Hermeneutik des Neuen steht. Der Vortrag will damit den Horizont aufspannen für eine ethische Reflexion der verschiedenen Situationsanalysen im Rahmen der Akademie, der daraus abgeleiteten Ansätze sowie der erkenntnisleitenden Begriffe, mit denen beide verbunden werden.

 

Ulrich Brand arbeitet als Professor für Internationale Politik an der Universität Wien. Gelernter Hotelfachmann, studierte und promovierte er anschließend an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und schloss seine Habilitation an der Universität Kassel im Jahr 2006 ab. Er forscht und lehrt in den Bereichen kritische Gesellschaftstheorie – insbesondere Regulierungstheorie, Staatstheorie und politische Ökologie –, Globalisierungsforschung, internationale Umwelt- und Ressourcenpolitik, Lateinamerika, sozial-ökologische Transformationen und Degrowth. Er leitet die Forschungsgruppe Lateinamerika an der Universität Wien. Gemeinsam mit Markus Wissen prägte er den Begriff „imperialer Lebensmodus“; das Grundlagenbuch von 2016 kam auf die Bestsellerliste des „Spiegel“ und wurde inzwischen in zwölf Sprachen übersetzt (https://imperiale-lebensweise.de/). Ulrich Brand ist seit 2011 Mitherausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“, 2018 Mitbegründer und seither Vorstandsmitglied von „Diskurs. Das Wissenschaftsnetz“.