Exkursion nach Hardegg mit Hildegard Schmoller

Datum/Zeit
2. September 2026
13:30 - 18:00

Adresse
JUFA Hotel Waldviertel
Hamerlingstraße 8
Raabs an der Thaya
Österreich

Die Exkursion führt uns heuer nach Hardegg, das sich mit 82 Einwohner:innen nicht nur rühmen kann, die kleinste Stadt Österreichs zu sein, sondern auch durch seine besondere Lage besticht. Hardegg liegt unmittelbar am Ufer der Thaya, die hier ein malerisches Tal in die Böhmische Masse schneidet und zugleich die Grenze zu Tschechien bildet. In der Mitte des Flusses verlief bis 1989 der „Eiserne Vorhang“, der Europa seit Ende der 1940er Jahre in zwei antagonistische Blöcke zerschnitt. Die massiven Grenzsicherungen, vor allem auf Seiten des „Ostblocks“, machten einen Grenzübertritt in dieser Zeit lebensgefährlich. Die einzige Brücke, die in Hardegg seit 1874 über die Thaya in den benachbarten südmährischen Ort Čížov (Zaisa) führte, war seit 1945 geschlossen. Ihr fortschreitender Verfall stand jahrzehntelang als Symbol für die Spaltung Europas, ebenso wie ihre Wiedereröffnung 1990 für die „Wende“ nach den friedlichen Revolutionen in Osteuropa. Heute ist die Brücke wieder rund um die Uhr geöffnet – allerdings nur für Menschen, die sich zu Fuß oder mit dem Rad fortbewegen, denn auf beiden Seiten der Thaya sind nach der Wende weitläufige Nationalparks entstanden. Auf insgesamt mehr als 40 km² Fläche haben hier zahlreiche Pflanzenarten und selten gewordene Tiere wie Seeadler, Äskulapnatter und Wildkatze ihren geschützten Lebensraum. Dieser Lebensraum zieht auch immer mehr Besucher:innen an, die in der Natur Erholung suchen oder sich für die Geschichte Hardeggs interessieren. Schließlich hat das Städtchen mit einer Burg, einer spätromanisch-gotischen Pfarrkirche und einem hochmittelalterlichen Karner eine Reihe reizvoller Sehenswürdigkeiten vorzuweisen. Seine Lage macht Hardegg zu einem idealen Ort, um unterschiedliche Transformationen anschaulich nachzuvollziehen: den Systemwandel von 1989 und die Öffnung des Eisernen Vorhangs, die Verwandlung des umgebenden Naturraums von einer vor allem wirtschaftlich genutzten Kulturlandschaft zu einer geschützten Wildnis, und nicht zuletzt was diese Wandlungsprozesse für einen kleinen, ländlichen Ort und die in ihm lebenden Menschen bedeuten. Auf unserer Exkursion wollen wir diesen Transformationen auf die Spur kommen. Dazu hören wir zunächst gemeinsam an der Thaya-Brücke einen Vortrag der Historikerin und Filmemacherin Hildegard Schmoller über die Grenze und ihre Öffnung 1989 (s.u.). Anschließend wird es Gelegenheit geben, entweder an einer kurzen geführten Exkursion in den Nationalpark oder an einer Stadtführung einschließlich der Kirche teilzunehmen bzw. – ohne Führung – die Burg Hardegg zu besichtigen. Für die drei Besichtigungsoptionen – Nationalpark, Stadt oder Burg – werden zu Beginn der Sommerakademie Listen aushängen.

 

 

Die Geschichte des „Eisernen Vorhangs“ am Beispiel des Grenzstädtchens Hardegg

Hildegard Schmoller

Mit der schrittweisen Einbeziehung der Tschechoslowakei in den Einflussbereich der Sowjetunion wurde die Staatsgrenze zu Österreich zur Systemgrenze – Teil des „Eisernen Vorhangs“, der immer mehr ausgebaut und gesichert wurde. Nicht nur die Errichtung und der Ausbau des tschechoslowakischen Grenzregimes sind Thema des Vortrags, sondern insbesondere auch die weitreichenden Folgen für die im Grenzgebiet lebende Bevölkerung und deren Umgang mit der Situation vor und nach der Grenzöffnung 1989.

 

 

Hildegard Schmoller ist Historikerin, Übersetzerin und Filmemacherin u.a. mit dem Forschungsschwerpunkt der Geschichte der Tschechoslowakei/Tschechien und ihrer Beziehungen zu Österreich. Sie ist Mitglied der Ständigen Konferenz österreichischer und tschechischer Historiker zum gemeinsamen kulturellen Erbe (SKÖTH) und Mitherausgeberin und -autorin des gemeinsamen österreichisch-tschechischen Geschichtsbuches „Nachbarn“ (2019).