MONIKA SOMMER – Der Altan

Datum/Zeit
3. September 2026
11:00 - 12:30

Adresse
JUFA Hotel Waldviertel
Hamerlingstraße 8
Raabs an der Thaya
Österreich

Der Altan – eine Baustelle

Monika Sommer

Am 15. März 1938 verfolgte die internationale Öffentlichkeit interessiert die „Anschlussrede“ Adolf Hitlers am Wiener Heldenplatz und beobachtete diesen Expansionsschritt von NS-Deutschland, der das Ende eines souveränen Staates bedeutete. Sofort verstand es die NS-Propaganda, um den Balkon der Neuen Hofburg eine Aura des Führerkults aufzubauen. War der Balkon in der NS-Zeit ein Symbol für die „Anschluss“-Begeisterung, wählte das „neue Österreich“ 1955 bewusst einen anderen Balkon, jenen des Belvedere, für die Präsentation des Staatsvertrags. Spätestens seit der Waldheim-Affäre 1986 und dem Bedenkjahr 1988 wurde der Balkon der Neuen Hofburg am Heldenplatz eine „Ikone der österreichischen Mitverantwortung“ (Heidemarie Uhl) an den Verbrechen während der NS-Herrschaft. Die nach 1945 lange praktizierte These von Österreich als erstem Opfer des NS-Regimes war nicht mehr tragbar. Obgleich Österreich seither zahlreiche Maßnahmen gesetzt hat, zumindest symbolisch Verantwortung zu übernehmen, steht bis heute eine Kontextualisierung dieses vulnerablen Punkts der österreichischen Zeitgeschichte aus.

Der Vortrag gibt einen Überblick zur Nutzungsgeschichte des Balkons und liefert Grundlagen für einen Meinungsaustausch unter den Teilnehmenden, in dem die Zukunft dieses vulnerablen Ortes im Zentrum der Republik diskutiert werden soll. Denn vielleicht gelingt es, zum 90. Jahrestag des „Anschlusses“ genau hier ein Symbol für ein Österreich als liberale Demokratie im Herzen Europas zu realisieren.

 

Monika Sommer ist seit  2017 Gründungsdirektorin des Hauses der Geschichte Österreich. Sie studierte Geschichte in Graz und Wien und absolvierte am Institut für Kulturwissenschaften eine Ausbildung für Museumskuration. 1999–2003 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Kommission für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW, 2002–03 Junior Fellow am IFK (Wien), bevor sie 2003–08 als Direktoratsassistentin an der Neupositionierung des Wien Museum beteiligt war, wo sie 2009–13 als Kuratorin wirkte. 2009 mitverantwortete sie im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt Linz mit Heidemarie Uhl und Dagmar Höss das Projekt „Insitu. Zeitgeschichte findet Stadt“. 2014–16 leitete sie das Kulturprogramm des Europäischen Forums Alpbach. Seit 2006 ist sie Co-Leiterin des /ecm-Lehrgangs für Ausstellungstheorie und -praxis an der Universität für angewandte Kunst Wien. Monika Sommer war PRO SCIENTIA Stipendiatin.