Julia Maria Jahn Transformation des Schweigens: Poetische Verarbeitung von Trauma und sexualisierter Gewalt

Datum/Zeit
11. Juni 2026
18:00 - 20:00

Adresse
John Ogilviehaus
Zinzendorfgasse 3
Graz 8010
Österreich

Treffen der PRO SCIENTIA-Gruppe Graz

mit einem Vortrag von 

Julia Maria Jahn

Transformation des Schweigens: Poetische Verarbeitung von Trauma und sexualisierter Gewalt

Sexualisierte Gewalt ist ein verheerendes und systematisch eingesetztes Kriegsverbrechen, sowohl im Bosnienkrieg der 1990er Jahre als auch im aktuellen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Der Frauenkörper wird dabei zum Austragungsort von Gewalt, mit dem Ziel, ganze Gesellschaften zu schwächen und zu demütigen. Diese Taten sind nicht nur mit individuellem Leid, sondern auch mit kollektiver Scham behaftet, die sowohl die betroffenen Frauen als auch die Gesellschaft als Ganzes trifft und ein tiefes Trauma hinterlässt.

Durch das Schreiben und Veröffentlichen von Lyrik gelingt es Frauen jedoch, ihre Stimme zu erheben – nicht nur gegen die Gewalt selbst, sondern auch gegen Scham und Marginalisierung innerhalb von Gesellschaften. Im Zentrum der Analyse steht daher die Frage, wie das poetische Sprechen einen Prozess der Transformation ermöglicht. Die Transformation des Traumas ist zweifach: Zum einen wird das Unsagbare durch das Aussprechen in Worte gefasst und so ein Prozess der Heilung angestoßen. Zum anderen ermöglicht das poetische Sprechen, kollektive Scham zu unterbinden. Die Betroffenen gewinnen Selbstbestimmung zurück, und ihre Erfahrungen werden Teil einer kollektiven Erinnerung, die öffentlich sichtbar und anerkannt wird.

Anhand des Gedichts „ali, život je riquiqui“ (Aber das Leben ist riquiqui) aus Naida Mujkićs Gedichtband Ljubavni šarti mogula (2015) und des Gedichts „Гусінь“ (Raupe) aus Lyuba Yakimchuk Gedichtband Abrykosy Donbasu (2014) wird aufgezeigt, wie das Trauma sexualisierter Gewalt in zwei unterschiedlichen Kriegskontexten literarisch verarbeitet wird und wie das poetische Sprechen dazu beiträgt, Stigmatisierung und Tabuisierung zu durchbrechen.

Die Analyse der Texte erfolgt aus einer theoretischen Perspektive, die Trauma Studies und postkoloniale Theorie verbindet: Die Trauma Studies, insbesondere die Ansätze von Cathy Caruth und Judith Herman, bieten einen Rahmen, um zu verstehen, wie das Sprechen über traumatische Erfahrungen als Weg zur Heilung und Integration traumatischer Erfahrungen in die eigene Identität beitragen kann. Das literarische Erheben der Stimme aus postkolonialer Sicht wird als Akt der Agency und des Widerstands gegen patriarchale Machtstrukturen verstanden.

Durch die Analyse soll aufgezeigt werden, dass das poetische Aussprechen nicht nur individuelle Heilung ermöglicht, sondern auch einen gesellschaftlichen Beitrag zur Sichtbarmachung und Entstigmatisierung sexualisierter Gewalt leistet.