Datum/Zeit
27. April 2026
19:00 - 21:00
Adresse
Otto Mauer Zentrum
Währinger Str. 2-4
Wien 1090
Österreich
Treffen der Wiener PRO SCIENTIA-Gruppe
mit einem Vortrag von Marco Fiorletta und Giulia de Acutis
Friedrich Hölderlin: Transformation des Denkens, Dichten des Wandels
Der Vortrag verknüpft eine Diagnose unserer gegenwärtigen, „anti‑aufklärerischen“ Gegenwart mit einer Relektüre Friedrich Hölderlins. Ausgehend von der Krise zentraler Erbschaften der Aufklärung fragt er, wie Vertrauen in die Transformationskraft von Ideen neu gewonnen werden kann. Schlüssel ist Hölderlins Empedokles—nicht nur als tragische Figur, sondern als Denkfigur, die Poetik, Ontologie/Naturdenken und Politik verschränkt. Empedokles’ sakrifizieller Sprung in den Ätna erscheint als symbolische Zäsur: eine produktive Unterbrechung, die eine neue Ordnung sichtbar macht, indem sie das Verdrängte für die Gemeinschaft reaktiviert.
Zentral ist Hölderlins Begriff der Zäsur: zunächst poetisch (Rhythmus‑Einschnitt), dann als ontologisch‑politisches Modell der Transformation. Im Homburger Folioheft materialisiert sich diese Zäsur im Entwurf—Lücke, Variante, Überschreibung—als Form der Fraktur, die zwischen Ordnung und Chaos, Göttlichem und Natur vermittelt. Theoretisch gerahmt wird dies durch die Unterscheidung von Titanischem/Aorgischem und Organischem/Olympischem. Eine ökokritische Lektüre liest „Wildniß“ nicht idyllisch, sondern als reale, nicht kontrollierte Kraft, die kulturelle Form erzwingt. Politisch erscheint Geschichte als Bewegung von Freisetzung und Bindung: Revolution, Übermaß, Neubestimmung. Hölderlins Poesie zeigt Transformation, indem sie Zäsuren setzt—und gerade so Denken als politisches Handeln erneuert.